roeren inside mit Klaus-Georg Gast, Vice President und General Manager EMEA Silicates bei PQ Corporation

Veröffentlicht am

roeren inside 01/2026

Wir freuen uns, Ihnen eine weitere Ausgabe unseres Interviewformats roeren inside zu präsentieren.

Mit roeren inside geben wir Einblick in die Themenfelder, die unseren Beratungsalltag prägen. Ziel des Formats ist es, fundierte Perspektiven aus Industrie, Verbänden und Wissenschaft zusammenzuführen und Raum für Einordnung, Reflexion und sachlichen Diskurs jenseits von Schlagzeilen und kurzfristigen Debatten zu schaffen.

Sascha Pfordte im Dialog mit Klaus-Georg Gast, Vice President und General Manager EMEA Silicates bei PQ Corporation

Die Chemie- und Lackindustrie in Deutschland steht unter erheblichem Druck. Hohe Energie- und Standortkosten, zunehmende regulatorische Anforderungen, Unsicherheit bei Investitionsentscheidungen und ein spürbarer Verlust an Wettbewerbsfähigkeit prägen die aktuelle Lage. Gleichzeitig wächst der Handlungsdruck: Wie können Unternehmen unter diesen Rahmenbedingungen bestehen? Welche strukturellen Anpassungen sind notwendig und wo liegen realistische Chancen für die Zukunft des Standorts?

Klaus-Georg Gast bringt jahrzehntelange Erfahrung aus Industrie, Management und Verbandsarbeit mit. In verschiedenen Führungsrollen sowie als aktives Mitglied zentraler Branchengremien hat er die Entwicklung der Chemie- und Lackindustrie über viele Jahre hinweg begleitet. Im Gespräch mit Sascha Pfordte ordnet er die aktuellen Herausforderungen der Branche ein und diskutiert, welche strukturellen Anpassungen notwendig sind, um unter den gegebenen Rahmenbedingungen wieder Handlungsspielräume zu gewinnen.

Die deutsche Chemieindustrie zwischen Kosten, Regulierung und Wettbewerbsdruck: Herausforderungen und Lösungsansätze

Sascha Pfordte: Klaus, Du blickst auf viele Jahre Erfahrung in der Lack- und Chemieindustrie zurück – in Industrie, Verbänden und Managementfunktionen. Wenn wir auf die aktuelle Lage schauen: In der VCI-Studie 2024 geben 74 % der Unternehmen an, dass sie ihre Kapazitäten in Deutschland nicht oder nur sehr unwahrscheinlich ausbauen wollen.

Was hat sich aus Deiner Sicht in den vergangenen zehn Jahren im Markt grundlegend verändert?

Klaus-Georg Gast: Wir erleben eine sehr kritische Neubewertung von Investitionen, insbesondere in Deutschland. Wachstum findet kaum noch statt, stattdessen sprechen wir überwiegend über Ersatzinvestitionen – und selbst die werden immer schwieriger. Der Hauptgrund ist eine massive Unsicherheit: fehlende Planbarkeit, mangelnde politische Verlässlichkeit und ständig neue regulatorische Anforderungen.

Früher waren Amortisationszeiträume von fünf bis acht Jahren akzeptabel. Heute müssen Projekte oft in weniger als drei Jahren rechnen, sonst werden sie nicht mehr umgesetzt. Das macht viele Business Cases faktisch unmöglich.

Sascha Pfordte: Ein zentraler Kostenfaktor sind dabei die Energiekosten. Laut Studie liegen diese in Deutschland 50 bis 80 % über dem EU-Durchschnitt. Wie ordnest Du die Standortkosten insgesamt ein – im europäischen und globalen Vergleich?

Klaus-Georg Gast: Die Energiekosten sind sinnbildlich für das Problem. Viele Unternehmen erwirtschaften ihre Gewinne längst nicht mehr in Deutschland. Produktionsstandorte hier schreiben teilweise Verluste – das bekannteste Beispiel ist BASF in Ludwigshafen.

Diese Kosten lassen sich nur über hohe Produktivität kompensieren. Das hat in der Vergangenheit durch Wachstum funktioniert, aktuell aber nicht mehr. Ein Vergleich zeigt das deutlich: Pro Kilogramm Lack liegen die Energiekosten in Deutschland in der Spitze bei weit über 20 Cent, in Schweden bei zwei bis drei Cent. Unter solchen Bedingungen wird Wettbewerbsfähigkeit extrem schwierig.

Sascha Pfordte: Wird der Blick damit zu stark auf die Politik gerichtet? Oder gibt es aus Deiner Sicht noch ungenutzte Effizienzpotenziale in der Industrie selbst?

Klaus-Georg Gast: Ich bin überzeugt, dass Unternehmen weiterhin Effizienzpotenziale heben können – durch Fokus und Disziplin. Wer versucht, alles gleichzeitig abzudecken, verliert an Schlagkraft.

Spezialisierung, Kooperationen und Allianzen sind aus meiner Sicht entscheidend. Allein der regulatorische Aufwand – etwa der Austausch von rund 20.000 Rohstoffen in unserer Branche – bindet enorme Ressourcen, ohne unmittelbar Wertschöpfung zu erzeugen. Unternehmen müssen Wege finden, darüber hinaus wettbewerbsfähig zu bleiben.

Sascha Pfordte: Wir sehen aktuell große Konsolidierungsschritte, etwa bei BASF Coatings oder Axalta. Ist das ein Trend, der sich fortsetzen wird?

Klaus-Georg Gast: Definitiv – und nicht nur bei den großen Konzernen. Auch im Mittelstand ist Konsolidierung notwendig. Die Vielzahl an Kosten, Berichtspflichten und regulatorischen Anforderungen ist für kleinere Unternehmen kaum noch tragbar.

Die Themen Nachhaltigkeit, neue Energien oder Product Life Cycle sind inhaltlich richtig. Aber die Geschwindigkeit, mit der sie umgesetzt werden sollen, ignoriert oft wirtschaftliche Realitäten. Am Ende müssen Unternehmen profitabel bleiben, sonst funktioniert das System nicht.

Sascha Pfordte: Gleichzeitig scheint sich politisch etwas zu bewegen. Lieferketten- und Nachhaltigkeitsregelungen werden teilweise angepasst. Ist das aus Deiner Sicht ein echter Kurswechsel?

Klaus-Georg Gast: Ich habe erstmals das Gefühl, dass ein Reality-Check stattfindet. Der VCI hat hier viel angestoßen, auch wenn die Tonalität manchmal zugespitzt wirkt. Dieses Wachrütteln war notwendig.

Deutschland sollte aufhören, europäische Regeln zusätzlich zu verschärfen. Weniger nationale Alleingänge und mehr Realismus bei der Umsetzung würden bereits helfen. Der Industrial Deal als Ergänzung zum Green Deal ist ein wichtiges Signal in diese Richtung.

Sascha Pfordte: Ein Thema, das Europa kaum selbst steuern kann, sind Handelsbeschränkungen. Die Zahl globaler Maßnahmen hat sich seit 2019 mehr als verdoppelt. Wie blickt die Chemiebranche darauf?

Klaus-Georg Gast: Zölle und Handelsbeschränkungen hemmen grundsätzlich Wachstum. Gleichzeitig funktionieren offene Märkte nur, wenn es faire Bedingungen gibt. Massive Subventionen – etwa in China – verzerren den Wettbewerb.

Die Pandemie hat gezeigt, wie riskant Abhängigkeiten sind. Eine stärkere Regionalisierung kritischer Rohstoffe kann sinnvoll sein, muss aber mit einheitlichen Spielregeln verbunden sein. Einzelne, kleinteilige Maßnahmen entlang der Wertschöpfungskette schaffen neue Nachteile.

Sascha Pfordte: Wäre das Mercosur-Abkommen ein möglicher Hebel, um neue Märkte zu erschließen und faire Regeln zu etablieren?

Klaus-Georg Gast: Für Spezialchemie kann das funktionieren. Für stark commoditisierte Produkte mit geringer Wertschöpfung pro Kilogramm stoßen solche Modelle schnell an physische und wirtschaftliche Grenzen.

Ich sehe sogar das Risiko, dass Gewinne zunehmend außerhalb Deutschlands erwirtschaftet und Investitionen entsprechend verlagert werden. Für den Standort Deutschland ist das eher kritisch.

Sascha Pfordte: Lass uns auf die Infrastruktur schauen. Deutschland liegt hier im internationalen Vergleich nur noch auf Rang 23. Wo spüren Unternehmen die größten Engpässe?

Klaus-Georg Gast: Ganz klar auf der Straße. LKW- und Fahrermangel sind die größten Bremsklötze. Rund 70 % der logistischen Herausforderungen hängen daran.

Es geht nicht nur um Straßen, sondern auch um Parkplätze, Ruhezeiten und Arbeitsbedingungen. Der Beruf des LKW-Fahrers ist unattraktiv geworden – und das ist ein strukturelles Problem für den gesamten Standort.

Sascha Pfordte: Zum Abschluss: Der Produktionsoutput der chemischen Industrie ist seit 2018 um rund 20 % gesunken. Was müsste sich kurzfristig ändern, um wieder in eine Vorwärtsbewegung zu kommen?

Klaus-Georg Gast: Ein entscheidender Faktor ist Vertrauen. Unternehmer müssen glauben, dass politische Zusagen eingehalten werden. Ohne dieses Vertrauen werden keine Risiken eingegangen.

Gleichzeitig gibt es echte Chancen: Dekarbonisierung, grüne Materialien, neue Anwendungen. Meine eigene Erfahrung zeigt, dass gezielte Investitionen – etwa in Green Tire – funktionieren können.

Wenn Unternehmen sich fokussieren, konsolidieren und mutig entscheiden, wird die Branche vielleicht nicht stark wachsen, aber stabiler und wettbewerbsfähiger werden. Und Künstliche Intelligenz kann helfen, zumindest den Umgang mit Bürokratie effizienter zu gestalten.

Über unseren Gast

Klaus-Georg Gast, Diplomkaufmann
ist Vice President Corporate Accounts und General Manager EMEA Silicates bei der PQ Corporation und trägt in dieser Rolle die unternehmerische Gesamtverantwortung für das Silikate-Geschäft in der EMEA-Region einschließlich Ergebnisverantwortung (P&L). Zuvor war er über viele Jahre in führenden Managementfunktionen in der Lack- und Chemieindustrie tätig, unter anderem bei Axalta, Nalco Water (Ecolab), PPG und BASF, wo er internationale Industriegeschäfte mit End-to-End-Verantwortung für Vertrieb, Marketing, Forschung & Entwicklung sowie Operations führte. Darüber hinaus engagierte sich Klaus-Georg Gast langjährig in zentralen Branchen- und Verbandsgremien, unter anderem als Vorstandsmitglied des Verbands der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie (VdL) sowie als Board Member und Treasurer des europäischen Verbands CEPE. Er ist Diplomkaufmann mit den Schwerpunkten Controlling und Marketing und verfügt über umfassende internationale Führungserfahrung in industriellen Konzernstrukturen.

Sascha Pfordte, MBA
ist Senior Consultant bei roeren mit Schwerpunkt auf Produktion und Management in der Chemie- und Prozessindustrie sowie angrenzenden Bereichen wie Logistik und Automotive. In seiner Beratungstätigkeit unterstützt er Unternehmen bei der Steigerung der operativen Leistungsfähigkeit, der Entwicklung und Umsetzung von Produktionsstrategien sowie in anspruchsvollen Sondersituationen wie Transformationen, Restrukturierungen, Integration und Interim-Mandaten. Zuvor war Sascha Pfordte mehrere Jahre in globalen Industrieunternehmen tätig, unter anderem bei Axalta und Kühne + Nagel, wo er internationale Continuous-Improvement-Programme verantwortete, Produktionsnetzwerke steuerte und auch als Interim-Werksleiter operative Führungsverantwortung übernahm. Er verfügt über langjährige Erfahrung in Lean Management, Operational Excellence und Task-Force-Einsätzen entlang der gesamten industriellen Wertschöpfung. Sascha Pfordte ist Betriebswirt (B.A.) und MBA mit Schwerpunkt Value-Based Production Management.

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